Der Körper bebt, die Seele tanzt

Falter

Herbert Blomstedt

Sieben Jahre lang war Herbert Blomstedt Chefdirigent beim Gewandhausorchester Leipzig. Nach seiner Verabschiedung 2005 kehrte er regelmäßig für ausgewählte Projekte ans Dirigentenpult zurück, etwa um sämtliche Sinfonien von Anton Bruckner aufzunehmen. Rechtzeitig zum 85. Geburts- tag des Dirigenten wurde der Zyklus nun mit den Sinfonien Nr. 2 und Nr. 9 abgeschlossen. Entstanden ist ein eindrucksvolles Tondokument, dessen fantastische Musik vom blinden Verständnis zwischen Herbert Blomstedt und dem fabelhaften Gewandhausorchester getragen wird.

Es hat lange gedauert, ehe Bruckner für seine Sinfonien breite Anerkennung zuteil wurde. Selbst heute noch bedarf die Musik einer sehr persönlichen Auseinandersetzung. Monumentale Architektur und kühne Harmonik, Exzentrik und Spiritualität prägen sein sinfonisches Schaffen – keine leichte Kost, zumal selbst große Dirigenten nicht davor gefeit sind, sich gerade bei Bruckner in Maßlosigkeit und sakrale Weihrauchstimmung zu flüchten. Doch Pathos verträgt Bruckner keines. Seine Musik ist überwältigend. Sie bedarf keiner künstlichen Anstrengungen. Bei Blomstedt zieht sie einen geradezu rauschhaft in ihren Bann.

Während in den Sinfonien eins bis drei Ausgelassenheit herrscht – Bruckner selbst nannte seine erste ein „keckes Beserl“, wohl wegen deren gewagter Harmonik –, ist die vierte von romantischer Naturstimmung erfüllt. Spannungsgeladen und gleichzeitig in sich ruhend gestaltet Herbert Blomstedt die fünfte, von filigraner Klangkunst getragen erklingt die sechste, majestätisch und meisterhaft ausbalanciert gelingen ihm die siebte und achte. Physisch spürbar wird die innere Spannung, wenn die neunte zu Beginn des ersten Satzes gleichsam aus dem Nichts erwächst, ehe sich das Hauptthema in seiner vollen Größe entfaltet und im dreifachen Forte des vollen Orchesters mit straff punktiertem Rhythmus und weiten Intervallsprüngen herabstürzt. Ein starkes Stück Musik, nicht zuletzt dank der hervorragen- den Akustik des Gewandhauses.

Herbert Blomstedt & The Gewandhausorchester Leipzig
Bruckner The Complete Symphonies
Querstand (9 CDs)

 

Musik mit sozialer Verantwortung

Falter

Manfred Honeck (Foto: Felix Broede)

 

 

 

 

 

 

 

 

Clean und chic, so lässt sich Downtown Pittsburgh kurz und bündig beschreiben. Eine Skyline aus Wolkenkratzern mit aufpolierten Glasfronten, gepflegte Parkanlagen und restaurierte viktorianische Häuser prägen das Zentrum der Stadt. Das war nicht immer so. Noch vor 35 Jahren brannten die Straßenlaternen hier auch tagsüber, weil derart viel Ruß in der Luft lag. Mehr als ein Jahrhundert lang wurden in Pittsburgh Eisen, Stahl und Kohle produziert. Mit dem Niedergang der Schwerindustrie Anfang der 1980er musste sich die Stadt allerdings neu erfinden. Statt Stahl produziert man heute Hightech-Innovation – einschließlich grüner Technologie, Bildung, Forschung und Entwicklung. 2009 kürte der Economist Pittsburgh zur „lebenswertesten Stadt der USA“; Forbes zählt sie zu den „zehn saubersten Städten weltweit“.

Weiterlesen

Barock mit Turboprop

Falter

Simone Kermes (Foto: Christian Wind)

Dunkle Röhrenjeans, irre hohe Heels, fetziges Shirt. So wie Simone Kermes zum Interview am Flughafen Schwechat erscheint, denkt man eher an einen Popstar als an eine Sängerin aus dem klassischen Fach. Am rechten Ringfinger trägt sie einen fetten goldenen Totenkopfring. „Der ist von Alexander McQueen. Er wollte, dass ich bei seiner letzten Show in Paris singe. Dann hat er sich umgebracht. Beim Konzert gestern habe ich übrigens einen Stoff von ihm angehabt.“

Weiterlesen

Simone Kermes „Dramma“: schlicht und sauschwer, ein Händel-Hit und noch viel mehr

Falter

Simone Kermes "Dramma" (Sony Classical)

Simone Kermes “Dramma” (Sony Classical)

Für ihre CD „Dramma“ hat Simone Kermes elf der virtuosesten Arien der italienischen Opera seria ausgewählt: Werke von Leonardo Leo, Johann Adolf Hasse, Nicola Porpora und Giovanni Battista Pergolesi, die ursprünglich alle für Kastraten komponiert wurden. Viele der Arien wurden hier zum allerersten Mal eingespielt, die meisten haben einen jahrhundertelangen Dornröschenschlaf hinter sich. Die Anforderungen an den Interpreten sind extrem, erklärt Simone Kermes: „Das ist purer Belcanto, sauschwer. Die technische Meisterschaft der Kastraten war einfach unglaublich. Dagegen hatten die Sängerinnen damals kaum eine Chance.“ Tatsächlich genossen Sänger wie Farinelli, Cafarelli, Porporino oder Belli im Neapel des frühen 18. Jahrhunderts hohes Ansehen und wurden für ihre Künste so fürstlich entlohnt, dass sich Cafarelli tatsächlich ein Herzogtum kaufen konnte.

Neben einigen kantablen Arien erklingen hier solche, die an Schwierigkeit kaum zu überbieten sind. Simone Kermes stellt ihre phänomenale Technik unter anderem in den funkelnden Koloraturen der Rachearie „Per trionfar pugnando“ unter Beweis, wo sie neben aberwitzigen Oktavsprüngen drei Oktavenregister, vom tiefen A bis zum dreigestrichenen D (!), zu bewältigen hat. In der Sturm-Arie „Vedrà turbato il mare“ besingt sie das sich auftürmen- de Meer mit langen, schnellen Koloraturen. Bei „Son qual nave“ setzt sie mit kristallklaren Staccato-Figuren, Verzierungen und Kadenzen noch eins drauf. Die Schönheit von „Alto Giove“ hingegen liegt vor allem in ihrer Schlichtheit. Wie Kermes die Töne ab- und anschwellen lässt, ist atem- beraubend. Selbst von Händels Hit- Arie „Lascia ch’io pianga“, bekannt aus Funk und Fernsehen, kann man hier gar nicht genug bekommen.

„Das Wort Routine ist für mich tabu“

Format

Piotr Beczala (Foto: Kurt Pinter)

Piotr Beczala (Foto: Kurt Pinter)

Piotr Beczala zählt derzeit zu den erfolgreichsten Tenören und steht regelmäßig auf den großen internationalen Bühnen, überzeugt die Kritiker sowohl im französischen als auch im italienischen Fach. An der Seite von Anna Netrebko singt er bei den Salzburger Festspielen den Rodolfo in Puccinis „La Bohème“, eine Partie, mit der er schon an der Met und an der Wiener Staatsoper Erfolge gefeiert hat.

Weiterlesen

In der Ruhe liegt die Kunst

Biorama Magazin

Foto: Stefan Knittel

Das Vergängliche zurücklassen, am Ewigen teilhaben, das ist Chadô, der Weg des Tees. Tief in der japanischen Gesellschaft verankert, umschließt der Kult um das grüne Getränk Harmonie, Reinheit und Stille. Gegen Unordnung und Wirrnis, Hässliches und Schmutziges, Hast und Unruhe.

Weiterlesen

Wo die Oper spielt: im trauten Heim natürlich

Falter

RCOC-©Carlos Pericás

Juan Carlos Pericás

Opern für die Hi-Fi-Anlage zu Hause braucht es das denn? Ja, und zwar aus zweierlei Gründen. Erstens spart man sich die leidige Debatte um Inszenierungen, es geht hier einzig und allein um die Musik. Und zweitens ist der regelmäßige Besuch eines Opernhauses ein sehr kostspieliger Spaß. Der Mitschnitt von Beethovens „Fidelio“ (Decca) kommt da gerade recht. 2010 wurde die Oper beim Lucerne Festival aufgeführt, bis zu 320 Euro musste man für eine Karte lockermachen. Die Doppel-CD kostet einen Bruchteil davon und sorgt auch ohne Bühne für ein unglaubliches Hörerlebnis. Unter Claudio Abbado klingt das Werk noch eindringlicher, exzellent ist auch die Rollenbesetzung: Nina Stemme als Leonore steht mit Jonas Kaufmann der zurzeit wohl beste Florestan zur Seite.

Als Geheimtipp gelten die Werke des Katalanen Domènec Terradellas. „Sesostri“ (RCOC) ist eine typische Opera seria: der Stoff spielt in der Antike, es geht um Liebe, Rache, Macht und Mord. Musikalisch bietet Terradellas eine dichte Dramaturgie und raffiniert orchestrierte Arien. Zudem hat Juan Bautista Otero ein erstklassiges Ensemble um sich geschart. Sunhae Im in der Titelrolle klingt zwar ein wenig aufgesetzt, Alexandrina Pendatchanska als Sesostris Mutter Nitocri und Kenneth Tarver in der Rolle des ägyptischen Tyrannen Amasi sind dafür hervorragend besetzt.

„A newly-discovered operatic mas- terpiece by G.F. Handel as world premiere recording“ verspricht der Sticker auf der CD „Germanico“ (dhm/ Sony). Entdeckt wurde das Manuskript 2007 in einer florentinischen Bibliothek. Ob das Werk nun tatsächlich Georg Friedrich Händel zuzuschreiben ist oder nicht – die Abschrift stammt nicht vom Komponisten, trägt aber den Vermerk „Del Sigr Hendl“ –, darüber gehen die Expertenmeinungen auseinander. Hinzu kommt, dass „Germanico“ keine Oper ist, sondern eine Serenade. Gerade deshalb eignet sich das kurzweilige Stück gut als Futter für den CD-Player, zumal es mit tadellosen Barocksängern aufwartet, allen voran Sara Mingardo in der Titelpartie des Germanico.

 

Der Sack mit dem feinen Klang

Servus Magazin

Stefan Widhalm, Dudelsackbauer (Foto: Elke Bitter)

Stefan Widhalm, Dudelsackbauer (Fotos: Elke Bitter)

Einst pfiffen die markanten Töne auch durch die Alpentäler, heute ist dieses traditionsreiche Volksmusikinstrument bei uns weitgehend vergessen. Im steirischen Trastal feiert der Dudelsack fröhliche Urständ. Weiterlesen

Die Neuerfindung des Klaviers

 

Denis Matsuev (Foto: Maestro Artists)

Magazin der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien

Keiner hat die Dimensionen des Klavierspiels weiter aufgebrochen als Franz Liszt. Keiner hat die Grenzen der Klaviermusik so radikal gesprengt wie er. Der Genius Liszt – so sieht es auch der russische Starpianist Denis Matsuev – ist der „Mephistopheles des Pianoforte“. „Kaum auszudenken, was Liszt mit einem Instrument angestellt hätte, das uns Pianisten heute zur Verfügung steht“. Am 5. und 6. März sitzt Matsuev am Flügel und spielt Liszts Klavierkonzert Nr. 1.

Weiterlesen

Im Tal der Rosen

Welt der Frau

Foto: Stefan Knittel

Im Herzen Bulgariens wächst die weltberühmte Rosa damascena. Klein und unscheinbar ist sie, ein grüner Strauch mit rosa Tupfen. Wäre nicht dieser Duft, intensiv und fein zugleich, sie würde glatt übersehen. Und doch hat Rosa damascena das Tal zwischen Karlovo und Kazanlak weltberühmt gemacht. Die Parfümeure sind ganz heiß auf den Stoff, den sie hervorbringt: das Rosenöl. Es gilt als das beste weltweit.

Weiterlesen