Schlagwort-Archiv: Deutsche Grammophon

Dreierlei vom polnischen Allerlei

FALTER 10/17

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Mit nur 21 Jahren gewann Seong-Jin Cho 2015 den renommierten Warschauer Chopin-Wettbewerb, jetzt ist die erste Studioaufnahme “Piano Concerto No. 1 – Ballades” (Deutsche Grammophon) erschienen. Neben vier Balladen spielt der Koreaner das Klavierkonzert No. 1 mit dem London Symphony Orchestra unter der Leitung von Gianandrea Noseda. Überschreiben ließe sich Chos Spiel vor allem mit dem Begriff “cantabile”, singend. Hier gibt es keine großen Gefühlsausbrüche, dafür umso mehr Poesie und Intimität. Ein wenig vermissen lässt Seong-Jin Cho die Ecken und Kanten, das Abgründige in Chopins Musik – wir schieben es einfach einmal aufs jugendliche Alter. Weiterlesen

Ach, ach, ach – drei Variationen von Meister Bach

FALTER 03/17

Nemanja Radulovic (Foto: Charlotte Abramow / DG)

Nemanja Radulovic (Foto: Charlotte Abramow / DG)

Johann Sebastian Bach (1685-1750) war nicht nur ein ausgesprochener Vielschreiber, sondern er hat, wie zur Zeit des Barock üblich, auch immer wieder Werke anderer Komponisten sowie eigene Werke bearbeitet und transkribiert. Daran erinnert Nemanja Radulović mit seinem neuen Album “Bach” (Deutsche Grammophon). Der serbische Geiger ließ dafür drei seiner Lieblingswerke neu arrangieren: die Toccata & Fuge, die Chaconne sowie die berühmte Air aus der Orchester-Suite in D-Dur. Für Traditionalisten sind die kühnen, fast schon rockigen Arrangements, in denen Radulović seine beeindruckende Virtuosität beweist, bestimmt eine Herausforderung. Ein echter Glücksgriff hingegen ist das wunderbare, viel zu selten gespielte Bratschenkonzert, bei dem der Geiger selbst an der Viola zu hören ist. Weiterlesen

Alle Jahre wieder: die Top-Ten-Charts

khatia

 

 

Khatia Buniatishvili: Kaleidoscope (Sony)
Dämonisch, charismatisch und hypersensibel: wenn Khatia Klavier spielt, dann steht die Zeit still. Wahnsinnsfrau, Hammeralbum.

 

 

sokolov

 

 

Grigory Sokolov: Schubert/Beethoven
Studios meidet Sokolov konsequent. Umso kostbarer ist dieser Live-Mitschnitt auf 2 CDs. Zugabe, Zugabe!

 

 

currentzis

 

 

Currentzis/Kopatchinskaja: Tchaikovsky: Violin Concerto – Stravinsky: Les Noces
Junge Wilde: der Dirigent und die Geigerin musizieren, dass die Fetzen fliegen.
Einfach nur geil.

 

 

say

 

 

Fazil Say: Mozart – Sämtliche Klaviersonaten
Mehr Mozart! Der türkische Ausnahmepianist lebt und atmet jede einzelne der insgesamt 375 Minuten. Zeit nehmen und genießen.

 

 

daniil

 

 

Da­niil Trifonow: Transcendental
Der Junge Russe spielt mit Liszt. Und was für Genieklänge er da hervorzaubert, ist atemberaubend. Oder transzendental.

 

 

kermes

 

 

Simone Kermes & La Magnifica Cumunitá : Love
Die Kermes zwischen Liebesgeflüster und emotionaler Achterbahnfahrt. Grandios musiziert. Trifft mitten ins Herz.

 

 

alison

 

 

Alison Balsom: Jubilo
Himmlische Klänge: die britische Star-Trompeterin liefert ein feinsinniges Barockprogramm.

 

 

kashkashian

 

 

Kim Kashkashian: Arcanum
Die dunkle Seite des Klangs: was die Bratschistin Kim Kashkashian ihrem Instrument zu verlocken vermag, ist berauschend.

 

 

cremona

 

 

Quartetto di Cremona: Saint-Saëns
Kein “Karneval der Tiere”, dafür selten gehörte, unglaublich packende Kammermusik und deshalb unbedingt eine Entdeckung wert.

 

 

letzbor

 

 

Gunar Letzbor: Accordato-Ex Vienna
Wieder hat der österreichische Geiger Fundstücke unbekannter Barockkomponisten der Habsburger im Gepäck. Virtuos!

 

 

 

 

 

 

Ein Stimme gar Wunderlich

wunderlich

Fritz Wunderlich als Tamino in Mozarts “Zauberflöte”. (Foto: Gerhard H. Siess/DG)

Falter 40/2016

Im September wäre der deutsche Opernsänger Fritz Wunderlich 86 Jahre alt geworden. Gestorben ist er 1966 auf tragische  Art und Weise: Er stürzt die Treppe im Haus eines Freundes hinunter, prallte mit dem Kopf auf den Steinfliesenboden und war wenige Stunden später tot – nur eine Woche vor seinem 36. Geburtstag und auf dem Weg zur absoluten Weltspitze, das Debüt an der New Yorker Met stand gerade bevor. Auch 50 Jahre nach seinem Tod fasziniert der Tenor ungebrochen. Die aktuellen Veröffentlichungen zeigen, dass er zu den Größten seines Fachs gehörte. Weiterlesen

Hier spielt der flotte Geigen-Dreier

Falter Stadtzeitung

„Well, Erich, where’s my violin concerto?“ 30 Jahre lang war das der Running Gag zwischen Erich Wolfgang Korngold und dessen Jugendfreund, dem Geiger Bronisław Huberman. Bei einem gemeinsamen Abendessen im amerikanischen Exil soll sich Korngold 1945 schließlich ans Klavier gesetzt und das Anfangsthema seines Violinkonzerts angestimmt haben. Kurze Zeit später war das Werk fertiggestellt. Mit ihm wagte der Starkomponist Hollywoods die musikalische Rückkehr zu den eigenen, klassischen Wurzeln. Weiterlesen

Musischer Adventskalender 2014, Tür #20: El Maestro Farinelli

farinelleFarinelli, der eigentlich Carlo Brosche hieß, war eine Kultfigur des 18. Jahrhunderts. Schon als kleiner Junge waren seine Stimme und sein musikalisches Gespür auffallend, so umfasste sein Stimmumfang mehr als dreieinhalb Oktaven. Mit seinem himmlischen Gesang verdiente er nach heutigen Maßstäben Millionen. Weniger bekannt ist, dass Farinelli auch als Impresario tätig war. Auf Einladung des spanischen Königs Philipp V. reiste Farinelli nach Madrid, wo er mit der Leitung der beiden Hofopernhäuser in Madrid und Aranjuez betraut wurde. Von 1737 bis 1759 lebte Farinelli am spanischen Hof und prägte als Impresario das Musiktheater Spaniens maßgeblich. Wie, das lässt sich hier nachgören.  Der Dirigent Pablo Heras-Casado hat sich auf die Spuren von Farinellis Arbeit in Spanien begeben und Stücke ausgewählt, die der weltberühmte Kastrat dort aufführen ließ. Etliche Ersteinspielungen sind dabei, darunter spanisch angehauchte Ouvertüren von Nicola Conforto und die Fandango-Sinfonie von C.P.E. Bach. Oder aber Komponisten, wie Coradini und Marcolini, die heute (leider) niemand mehr kennt. Selbstverständlich dürfen auch einige prominente Vertreter der neapolitanischen Schule nicht fehlen:  Jommelli, Traetta und natürlich Farinellis Lehrer Nicola Propora. Dessen Arie “Alto Giove” wird hier von Bejun Mehta interpretiert – schöner geht einfach nicht. Ein großer Spaß sind die virtuosen Seguidillas von José de Nebra, bei denen Pablo Heras-Casado und das Concerto Köln einem so richtig einheizen. Spätestens hier brennt es dann auch, das spanische Feuer.

Adventskalender 2014, Tür #19: Der Kopf ist wichtig, das Herz wichtiger

parkNein, wie ein waschechter Oberfranke schaut Christopher Park nicht aus, und die Zeiten, in denen er seine Freunde mit seinem Klavierspiel zwangsbeglücken musste, sind auch längst vorbei. Heute zählt der gebürtige Bamberger mit deutsch-koreanischen Wurzeln zu den aufregendsten Pianisten der Gegenwart. Die Geschichte des 27-jährigen ist rasch erzählt: mit Sieben begann er mit dem Klavierspiel, bald kauft er sich Noten von seinem Taschengeld, und während gleichaltrige sich mit Sonatinen und kleinen Fingerübungen mühen, spielt der Achtjährige seiner Klavierlehrerin eines Tages Chopins Revolutionsetüde vor, die seinen Eltern umgehend einen Lehrerwechsel empfiehlt. Für Christopher Park steht da längst fest: er will Musik machen, am liebsten ein Leben lang. Während seines Studiums in Frankfurt prägen ihn zwei große Traditionen: bei Lev Natochenny lernt Park die Tugenden der legendären russischen Schule, bei Joachim Volkmann jene der deutschen Schule Wilhelm Kempffs. Doch da ist mehr. Der Kopf ist wichtig, das Herz wichtiger. Es kommt nicht nur darauf an, das Instrument meisterhaft zu beherrschen, sondern um die Freiheit des Ausdrucks und des Musizierens. Christopher Park vereint beides: virtuoses Feuer und Fantasie. Mittlerweile reist Christopher Park um die Welt, hat zuletzt ein fantastisches Album mit Klaviermusik von Franz Liszt  veröffentlicht, erhielt den begehrten Bernstein-Award und wird in Deutschland längst als Shootingstar gehandelt – ein Begriff, der eigentlich gar nicht zu ihm passt. Wer ihn im Konzert erlebt hat, weiß das. In Wien hatte man in den vergangenen zwei Monaten gleich zwei Mal die Gelegenheit dazu. Am 22. Oktober war Christopher Park im Konzerthaus zu Gast, einen Monat später, am 29. November, debütierte er im Wiener Musikverein, wo er gemeinsam mit dem Küchl-Quartett einen Kammermusikabend gestaltete. Wien als wichtige Feuertaufe? Ja und Nein, denn Christopher Park hat seinen Weg längst gefunden. Er gehört zu den glücklichen Menschen, deren Beruf zugleich Berufung ist.

 

 

Advenstkalender 2014, Tür #12: Zurück zu Brahms

grimaudAls 15-jährige überraschte Hélène Grimaud die Musikwelt mit einer furiosen Einspielung von Rachmaninows Zweiter Klaviersonate. Mit 17 gelang ihr der internationale Durchbruch: Sie spielte auf dem Internationalen Klavierfestival in La Roque d’Anthéron und debütierte mit dem Orchestre de Paris unter Daniel Barenboim. Hélène Grimaud bekam hymnische Kritiken, zog in die USA und tat das, was sie am liebsten mag: Klavier spielen und Konzerte geben. Doch irgendwann wurde der Druck für die hochbegabte und hypersensible Pianistin zu viel. Sie zog sich zurück und gründete auf dem Land vor den Toren New Yorks ein Wolfsreservat. Für die PR-Agenturen war das ein gefundenes Fressen: man sah die Grimaud in Hochglanzmagazinen, Talkshows und TV-Porträts. Der Medienhype um die Frau „die mit den Wölfen tanzt“  war so groß, dass die ernsthafte Pianistin Hélène Grimaud dahinter zu verschwinden drohte. Heute, mit 44, scheint Hélène Grimaud ruhiger geworden zu sein. Jetzt hat sie sich mit ihrem dritten Buch (“Rückkehr nach Salem”) und einem neuen Album zurückgemeldet. Darauf spielt Grimaud die Klavierkonzerte von Johannes Brahms, einem ihrer Lieblingskomponisten. Zwanzig Jahre trennen Brahms´ Erstes und Zweites Klavierkonzert voneinander – fast genauso viel Zeit ließ Hélène Grimaud verstreichen, ehe sie sich nach ihrer ersten Begegnung mit d-Moll-Konzert an das Zweite in B-Dur heranwagte. Es sind Werke, die unterschiedlicher nicht sein können: tiefgründig, feurig, romantisch das Erste; sehnsüchtig und nostalgisch das Zweite. Zusammen mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks (1. Klavierkonzert), den Wiener Philharmonikern (2. Klavierkonzert) und dem Dirigenten Andris Nelsons strebt Grimaud nach einem Dialog und einer Versöhnung der Gegensätze, zwischen dem grüblerischen älteren Brahms und seinem jüngeren Selbst. Das ist ihr auch gelungen, auf ihre ganz eigene, sehr subjektive Weise. Eine intensive musikalische Reise mit allen Höhen und Tiefen.

Musischer Adventskalender 2014, Tür #4: La Belle Excentrique

petibonIch liebe Patricia Petibon. Weil sie eine fantastische Sängerin ist, natürlich. Weil sie sich jede Rolle einverleibt und sie nicht nur spielt, sondern auch lebt. Wenn Patricia Petibon auf der Bühne steht, dann tut sie dies mit Haut und Haaren. Sie verwandelt sich, brüllt wie ein Löwe, spielt mit der Leidenschaft, haucht einen berührenden Liebesgesang, weint, tanzt und lacht; erotisch, zärtlich, blutvoll. Wenn sie singt, dann geht sie bis an die Abgründe der menschlichen Seele, zwischen himmelhochjauchzend und zu Tode betrübt. Im September spielte die bezaubernde Französin mit dem feuerroten Haar in Wien die Manon Lescaut aus Massenets gleichnamiger Oper. Ein junges, wildes Ding. Ein verführerisches Mädchen, ein Luxusgeschöpf, das frei sein will und von einer Welt träumt, der es nie angehören wird. Es war eine Offenbarung und ich wäre am liebsten in jede Vorstellung gegangen. Ihre neue CD hat Patricia Petibon dem französischen Chanson gewidmet, eine bunte Welt von Gabriel Fauré bis Léo Ferré, vom Dichter Théophile de Viau bis Manuel Rosenthal. Hier ist der französische Geist allgegenwärtig, mit seinem Charme, seiner Melancholie und seinem derben Spott. Manche Titel verweisen augenzwinkernd auf berühmte Tänzerinnen des Moulin Rouge: auf La Goulue und ihren Partner Valentin le Désossé, auf Gavrochinette, Rayon d’Or oder auch Nini Pattes-en‑l’air, in deren Tanzschule angeblich nicht nur French Cancan auf dem Lehrplan stand. Zwischendurch tauchen immer wieder Francis Poulenc und Erik Satie auf, den Patricia Petibon als Kind kennen- und lieben lernte. Für Petibon spiegelt die Musik auf der CD alles wider: das Komische und das Tragische, das Fantastische und das Geheimnisvolle. “Ich gehe gerne von einem Extrem zum anderen”, sagt sie. “Nur so kann ich spüren wie intensiv das Leben ist – und der Tod“.

Gut gebrüllt, Löwin!

Patricia Petibon (Foto: Inge Prader/DG)

Patricia Petibon (Foto: Inge Prader/DG)

Es ist ein ganzes Weilchen her, dass Patricia Petibon an der Wiener Staatsoper zu hören war. 2007 sang sie hier die Sophie in Richard Strauss´ Rosenkavalier, nun kehrt die grazile Französin mit dem feuerroten Haar als Manon zurück – ein Debüt, denn es ist ihre erster Massenet auf einer Opernbühne, höchste Zeit also, findet sie, denn ewig könne man die Manon, „dieses junge, wilde Ding“, ja nicht singen.  Weiterlesen