In einem Land außerhalb unserer Zeit

Falter Stadtzeitung 51/16

Die Fotografin Katharina Gossow fotografierte Alma Deutscher im Hotel Beethoven.

Für den Falter fotografierte Katharina Gossow Alma Deutscher im Hotel Beethoven.

Alle warten auf Alma. Die Sänger und die Produktionsleiterin haben sich schon im Souterrain des Klavierhauses Wallner im vierten Bezirk eingefunden, die Oper „Cinderella“ soll geprobt werden. Journalisten zücken Stift und Block, die Kameras werden in Stellung gebracht. Dann stürmt ein blondes Mädchen herein, in blauem Kleid und roter Jacke mit einem glitzernden Springseil in der Hand. Begleitet wird sie von ihrem Vater, der sich im Hintergrund hält. Alma strahlt über das ganze Gesicht, hüpft, läuft und setzt sich sofort ans Klavier. Die Probe kann beginnen. Ihr Blick wird ernst, mit einem Nicken gibt sie den Sängern den Einsatz. In diesem Moment ist sie Pianistin, Dirigentin und Regisseurin in einem. Sie presst die Lippen aufeinander, reißt die Augen auf, zieht die Augenbrauen hoch. „Soll ich es euch vorsingen?“, fragte sie die Sänger. „Es muss dramatischer klingen!“ Alma ist freundlich, aber bestimmt, nichts kann sie aus ihrer Konzentration bringen.

Alma Deutscher ist elf Jahre alt, kommt aus Großbritannien und hat gerade ihre erste Oper komponiert. Am 29. Dezember wird „Cinderella“ in Wien im Casino Baumgarten mit Orchester uraufgeführt. Ermöglicht hat das der Verein Oh!pera, der sich der Unterstützung besonders talentierter, junger Künstler verschrieben hat. Die Leiterin von Oh!pera Cathrin Chytil wurden durch einen Artikel in der Zeit auf Alma aufmerksam. Es sei ihr Traum, ihre Oper in Wien aufzuführen, erzählte sie dem Journalisten. Der Verein Oh!pera lud die Komponistin nach Österreich ein und nun arbeitet das Team um Chytil und Am Zehnhoff-Söns seit einigen Monaten an der Bühnenfassung von „Cinderella“.

Das Märchen spielt in Almas Version in einem Opernhaus im Fantasieland Transylvanian. Cinderella ist eine begnadete Komponistin und Sängerin, doch sie darf nicht singen, weil nach dem Tod des Vaters die Stiefmutter das Haus übernimmt und ihre beiden untalentierten Töchter auf der Bühne favorisiert. Der Prinz wiederum ist ein Dichter. Er und Cinderella finden nicht über einen verlorenen Schuh zueinander, sondern über eine Melodie Cinderellas, die zu seinen Gedichten passt.

Beim Interview mit dem Falter im Wiener Hotel Beethoven wünscht sich Alma eine heiße Schokolade und ein Stück Apfelstrudel. „Das ist der Deal“, sagt ihr Vater Guy Deutscher, ein zurückhaltender Mann mit feinen Gesichtszügen und leiser Stimme. Alma lacht. „Wenn ich Interviews gebe, darf ich immer Mehlspeisen essen, und die schmecken in Wien am besten“.
In diesen Momenten klingt das elfjährige Wundermädchen wie jedes andere Kind auch. Ein Kind, das Sachertorte, Palatschinken und Eis liebt. Das gerne malt und auf Bäume klettert, zu Hause im englischen Dorking, 40 Kilometer südwestlich von London, wo sie gemeinsam mit ihren Eltern und ihrer kleinen Schwester Helen in einem ruhigen Anwesen mit großem Garten lebt. Hier kann sie sich frei entfalten, Musik machen, komponieren, lesen, Geschichten schreiben, Klavier und Geige spielen oder mit ihrer Springschnur spielen.

„Wollt ihr sie sehen?“, fragt Alma, springt auf und holt aus ihrer Tasche ein rosafarbenes Seil mit langen Quasten an den Enden, die glitzern und funkeln. „Damit laufe ich im Garten herum, schwinge es durch die Luft und denke mir dabei Geschichten aus.“ Am liebsten träumt Alma von ihrem Fantasieland Transylvanian, wo auch ihre Oper spielt. Sie hat es erfunden, da war sie drei Jahre alt, und weil sie selbst noch nicht schreiben konnte, diktierte sie ihrem Vater ihr erstes Buch über diesen Ort in den Computer. Seither hat sie Transylvanian immer weiter entwickelt. Dort entsteht ihre Musik, dort arbeitet sie und dort will auch nicht gestört werden. Nur wenn ihr eine Melodie besonders gut gefällt, unterbricht Alma ihr Spiel, um sie zu notieren.
Transylvanian ist ein wunderschöner Ort, mit vielen Seen, Wäldern und kleinen Städten, die ein bisschen aussehen, wie in Deutschland und einer Hauptstadt, Brasslichmei. Neben Geigern, Pianisten und Sängern leben in Almas fiktiver Welt vor allem große Komponisten. “Manchmal“, sagt sie verschmitzt, „stehle ich ihre Melodien und verwende sie für meine eigenen Kompositionen”.

In ihrem imaginären Reich kann sie stundenlang verweilen und mit den von ihr erfundenen Menschen Zeit verbringen. Hier träumt sie von der berühmten Imperial Brasslichmei Academy of Music, von ihren Lieblingskomponisten Greensilk, Bluegold und Antonin Yellowsink, der Geigerin Sophie Malzing oder der Kaiserin, die einen prunkvollen Palast mit vielen schönen Ballsälen bewohnt. Alma mag Märchen, Prinzessinnen und schöne Kleider. Neben unendlich viel Fantasie und Talent hat das Mädchen auch viel Zeit für ihre musikalischen Leidenschaften. Alma wird von ihren Eltern zu Hause unterrichtet, sie hat einen Klavier- und einen Geigenlehrer und nimmt Improvisationsstunden beim Schweizer Tobias Cramm, meistens über Skype. Vormittags übt und komponiert sie, vier Stunden mindestens, ehe es nach einer Mittagspause mit Malen, Spielen oder Lesen wieder ans Lernen geht. Keine Hausaufgaben, keine Tests, kein Schulalltag, wie ihn andere Kinder in ihrem Alter kennen.

Das war allerdings nicht von Anfang an so geplant, sagt Guy Deutscher. „Aber nach dem ersten Schultag kam sie weinend nach Hause. Als wir fragten warum, sagte sie, sie hätte dort nichts gelernt.“ Alma ist froh, dass sie nicht in die Schule gehen muss. „Ich lerne in einer Stunde, was in der Schule fünf Stunden dauern würde.“ Und die Freunde? „Ich habe viele Freunde“, sagt Alma lachend und genießt weiter ihren Apfelstrudel.

Alma Deutscher ist zwei, als sie ein Wiegenlied von Richard Strauss hört und ihre Eltern fragt, wie Musik so schön sein kann. Sie beginnt Klavier zu spielen, sobald sie groß genug ist, um die Tasten im Stehen zu erreichen, ebenfalls mit zwei Jahren. Mit drei bekommt sie von ihren Eltern eine Geige geschenkt. Guy Deutscher, ein international renommierter Linguist, und seine Frau Janie, eine Anglistin, müssen erst lernen, mit der Hochbegabung ihrer Tochter umzugehen. “Jeden Monat, jede Woche, passierten neue Dinge”, sagt Guy und erzählt, wie Alma mit nur vier Jahren ihre erste eigene Melodie improvisierte. “Wir dachten zuerst, sie versucht etwas Bestimmtes nachzuspielen. Da sagte sie uns: ‘Es ist meine Melodie’. Das war ein unglaublicher Moment für uns”. Mit sechs schreibt Alma Deutscher ihre erste Klaviersonate, mit sieben ihre erste Kurzoper “Der Traumfeger”, mit neun ein Violinkonzert, das sie mit Orchester uraufführt. Lampenfieber? Alma lacht. “Nein, nie! Ich liebe es auf der Bühne zu stehen und bin glücklich, dass die Menschen gerne meine Musik hören”.

Aufmerksam wird die Welt auf das Wundermädchen aus England 2012, als der Schauspieler und Autor Stephen Fry einen Link zu ihren Videos mit dem Text twitterte: “Einfach überwältigend. Alma Deutscher spielt ihre eigenen Kompositionen. Ein neuer Mozart?” Ein Jahr später erscheint ihre erste CD mit eigenen Kompositionen, sie war zu Gast in der Show der US-amerikanischen Moderatorin Ellen DeGeneres, zählt die Geigerin Anne-Sophie Mutter und die Dirigenten Daniel Barenboim und Simon Rattle zu ihren. Die Oper „Cinderella“ steht unter der Schirmherrschaft des Dirigenten Zubin Mehta. Mittlerweile bekommt die Familie Unterstützung beim Umgang mit dem Medienrummel, und Alma hat einen Mentor, Martin Campbell-White, Simon Rattles ehemaligen Manager.

Nun hat sie ihre erste Märchenoper “Cinderella” vollendet. Nachdem das Werk bereits in einer konzertanten Fassung in Israel zu hören gewesen war, hat Alma eigens für die Aufführung in Wien Szenen hinzugefügt und den Orchesterpart erweitert. Wolfgang Amadeus Mozart war im selben Alter, als seine erste Oper 1767 uraufgeführt wurde. Gegen den Vergleich mit dem Salzburger Wunderknaben wehrt sich Alma. “Oh no”, sagt sie und wird plötzlich ganz ernst. “Ich will kein neuer Mozart sein. Das wäre doch langweilig, würde ich noch einmal komponieren, was Mozart schon komponiert hat. Es ist viel interessanter, Alma zu sein.“ Und weil Alma keine zeitgenössische Musik mag, sind ihre eigenen Werke vom harmonischen Wohlklang der Wiener Klassik und der Romantik geprägt. Ein wenig Mozart hier, eine Prise Schubert da. Anmutige, gefällige Melodien, dem kindlichen Wesen Almas durchaus entsprechend.

Sorge, dass sie nur deshalb bewundert wird, weil sie erst elf ist, hat sie nicht. “Ich denke, dass meine Musik wunderschön ist, und ich will, dass alle zur Aufführung meiner Oper kommen, vor allem Kinder. Sie sollen hören, wie schön sie ist und wissen, dass sie nicht von einem fetten alten Mann geschrieben wurde, der seit 200 Jahren tot ist, sondern von einem jungen Mädchen, das auch mit auf der Bühne steht.“ In „Cinderella“ wird Alma als Violinistin und Pianistin auftreten.

Die elfjährige Komponistin hat viele Pläne, ihre Energie und Ideen scheinen grenzenlos zu sein. Als nächstes Projekt schwebt ihr die Verfilmung eines Buches vor, das sie gerade schreibt. Auch die Musik dazu will sie komponieren. Worum es geht, darf sie noch nicht verraten. Nur so viel: Es wird eine Szene namens „Wilde Jagd“ geben. Geister reiten auf Pferden durch die Nacht und saugen die Zeit aus der Welt und aus dem Leben der Menschen.
Nach dem Interview und dem Fototermin läuft Alma gleich die Treppen hinunter. Vor dem Hotel läuft sie mit ihrem Springseil auf und ab und ist schon wieder in ihrer Welt versunken.

Von Miriam Damev und Stefanie Panzenböck

“Cinderella”
Termine: 29. und 30. Dezember, 16 Uhr
4. Jänner, 19 Uhr und 5. Jänner, 16 Uhr
Casino Baumgarten